Von allen Seiten, so scheint es, wird im Moment die Einzelpraxis attackiert. Dabei ist sie
seit Jahrzehnten ein Garant für die einmalig gute medizinische und zahnmedizinische ambulante
Versorgung der Bevölkerung. Arzt und Zahnarzt sollten, so die Idee der Freiberuflichkeit,
wie Anwälte und Steuerberater ihre wichtigen gesellschaftlichen Aufgaben eigenverantwortlich
erfüllen, ohne dabei andauernd ökonomischem Druck und erst recht keinem ökonomischen
Diktat unterworfen zu sein. Wohl kein Mediziner und auch kein Patient möchte an diesem
Zustand etwas ändern. Dennoch sind große Umwälzungen bereits im Gange und sollen durch
eine ganze Reihe von Gesetzesvorhaben noch weiter vorangetrieben werden: Zu nennen
wären „VändG“ (Vertragsarztrechtsänderungsgesetz), „VVG“ (Versicherungsvertragsgesetz),
„GOZ-Novellierung“ und last but not least „GKV-WSG“ (Wettbewerbsstärkungsgesetz), eine
Front, an der allenfalls scheinbar Stillstand herrscht.
Schon aus vorangehenden Gesetzesänderungen im GKV-Modernisierungsgesetz, mehr noch
sozusagen im vorauseilendem Gehorsam gegenüber den erst noch zu beschließenden Neuregelungen,
gibt es große Bewegungen auf dem Markt der „Zahnmedizin“. McZahn ist dafür
nur deshalb Stichwortgeber, weil der Geschäftsplan eines Krefelder Unternehmers in geradezu
gigantischer Weise von den Medien aufgebauscht und vor der Öffnung auch nur einer Praxis
öffentlich diskutiert wurde und wird. Das Vorhaben, im medizinischen Bereich eine Praxiskette
und ein Franchisesystem einzuführen, steht zweifelsohne im stärksten Kontrast zu unseren
Vorstellungen davon, wie ein Freiberufler seine Zahnarztpraxis selbstständig und unabhängig
führt. Wenn wir seit langem mehr Wettbewerb gefordert haben, dann war damit Wettbewerb
um – noch mehr – Qualität gemeint und keinesfalls Preisdumping.
Wettbewerb ist jedoch nicht in einer gewünschten Form installierbar, schon gar nicht von
einem Marktteilnehmer. Er entwickelt sich auf dem Markt zwischen allen Marktteilnehmern
im Rahmen ökonomischer und politischer Voraussetzungen und mit großer Eigendynamik.
Wie auch immer man McZahn bewertet, für die grundsätzliche Richtung sind die Pfähle
bereits von ganz anderen eingeschlagen worden. Große Veränderungen stehen uns bevor,
daran besteht meines Erachtens kein Zweifel. In deren Gefolge wird sich jeder von uns,
liebe Kolleginnen und Kollegen,
als selbstständiger Zahnarzt, aber auch die Berufsgruppe der Zahnärzte, neu orientieren müssen.
Die Konsequenzen der veränderten Rahmenbedingungen sind nicht aufzuhalten. Sie haben
nämlich gesellschaftliche Ursachen und verlaufen demnach unabhängig von einzelnen
Gesetzen und individuellen Geschäftsideen.
Das starre, sehr regulierte GKV-System ist in Bewegung geraten. Die wachsenden Freiheitsgrade
werden, das ist geradezu logisch, zunächst von vorurteilslosen, hoffentlich nicht auch
von skrupellosen Dritten genutzt. Gerade deshalb gilt es jetzt, die vorhandenen Strukturen
der Zahnärzteschaft im Sinne eines Erhalts der Freiberuflichkeit und zum Schutz der Einzelpraxis
zu nutzen und noch enger zusammenzustehen, von Kammer, KZV, und politischen
Verbänden bis hin zu den regionalen Initiativen und Stammtischen. Über kurz oder lang
können vielleicht nur noch professionell vorbereitete Vertragsgemeinschaften den Rückhalt
bieten, um sonst übermächtigen Anbietern mit gleichlangen Spießen entgegenzutreten.
ZA Martin Hendges
ZA Martin Hendges, Rheinisches Zahnärzteblatt, Editorial, Ausgabe 10/2006